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Dieser Text wird schwer verdaulich. Es geht um psychische Erkrankungen (hauptsächlich Depressionen) und Suizid. Daher vorsorglich eine Triggerwarnung für genau diese Dinge. Außerdem ein Appell:

Wenn ihr in eurem Freundeskreis Menschen habt, die Anzeichen einer Depression zeigen oder diese bei euch selbst feststellt (Antriebslosigkeit, Müdigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis, negative, kreisende Gedanken sind die häufigsten Symptome), dann sucht Hilfe. Eine erste Anlaufstelle kann die Telefonseelsorge sein, die ihr jederzeit unter den Rufnummern

  • 0800/111 0 111
  • 0800/111 0 222
  • 116 123

erreichen könnt. Solltet ihr nicht sicher sein, ob ihr oder jemand, den ihr kennt, Anzeichen einer Depression zeigt, so hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe einen Selbsttest auf ihrer Seite, der auch von Therapeuten und Psychologen genutzt wird. Sprecht mit eurem Hausarzt, wenn ihr Anzeichen bei euch selbst feststellt.

Depressionen sind schlimm, aber sie sind kein Grund, sich zu schämen oder zu glauben, dass ihr dadurch weniger wert seid. Im Gegenteil: Ihr seid es wert, dass ihr euch selbst helft.

Einen Dank möchte ich noch an eine Freundin loswerden, die mir mit einem Kommentar via Facebook-Messenger gestern Abend die Idee zu diesem Text gab. Danke, Claudia.


Neun Namen von Menschen, die (mehr oder minder bekannt) in der Öffentlichkeit standen. Menschen, bei denen man als Laie sagen könnte, dass sie alles gehabt haben. Ruhm, Erfolg, höchstwahrscheinlich Geld. Und doch haben sich diese neun Menschen, wie es in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 Menschen tun, das Leben genommen. Die offizielle Todesursache also: Suizid.

Ich sage, lasst uns nicht von der Todesursache Suizid sprechen. Lasst uns sagen, dass diese Menschen an ihrer Depression gestorben sind. Wir sind wieder bei der Macht der Sprache. Ich möchte, dass die Gesellschaft merkt, dass Depressionen mehr sind als „ein bisschen down“ sein. Depressionen und andere psychische Krankheiten sind potentiell tödlich – fast 90 Prozent der Suizide und Suizidversuche erfolgen laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe vor dem Hintergrund einer psychischen Erkrankung, oftmals eben einer Depression.

Laut Gesundheitsberatung des Bundes ist die offizielle Anzahl der Todesfälle, die unmittelbar auf Depression nach ICD-10-Definition zurückzuführen sind, von 2000 bis 2015 um mehr als das Siebenfache angestiegen, von 47 im Jahr 2000 auf 343. Würden wir nur einen Teil der jährlich in Deutschland verübten Suizide dazurechnen, kämen wir auf Tausende; weltweit sind es sicherlich noch viele mehr.

Warum ich im zweiten Absatz so betone, dass die Gesellschaft im Bezug auf Depressionen erkennen soll, dass die weit mehr sind, als sich ein bisschen down zu fühlen? Weil ich gestern Abend, als die Nachricht vom Tod von „Linkin Park“-Sänger Chester Bennington die Runde machte, in den sozialen Netzwerken leider wieder viele Kommentare dieser Art lesen musste. Einige davon sind von der Fotografin und Bloggerin Sandra Limberg auf ihrer Seite Sollena Photography benannt worden, die insgesamt auch einen sehr guten Text zum Thema verfasst hat.

Es scheint also so zu sein, dass viele Menschen IMMER noch nicht verstehen, wie heimtückisch Depressionen sein können. Auch Menschen, die behaupten, selbst unter dieser oder einer anderen psychischen Erkrankung zu leiden, zeigen im Bezug auf Bennington wenig Empathie. Stattdessen klopfen sie sich selbst auf die Schulter, wie tough sie doch sind, dass sie es trotz ihrer Erkrankungen durchgehalten haben und nicht den Suizid wählten. Im Prinzip tun mir diese Menschen Leid, denn sie nutzen den Tod eines Menschen, um ihr eigenes Ego zu stärken.

Ein anschauliches Beispiel dafür habe ich aus dem Jahr 2010 mitgebracht, als sich der oben genannte Wrestler Chris Kanyon, der über Jahre an Depressionen und einer bipolaren Störung litt, das Leben nahm. Auf dem Cageboard, dem Forum der Wrestling-Datenbank Cagematch, wo ich seinerzeit sehr aktiv war, schrieb ein User Folgendes:

Was ich von suizidal veranlagten Individuen halte, die ihr Leben wie Müll entsorgen, habe ich auf cagemacht.de [sic!] offensichtlich bereits so eindringlich zum Ausdruck gebracht, dass sich der Seitenbetreiber in seinem krankhaft perfektionistisch motiviertem Bestreben nach einem cleanen Seiten-Bild in der Pflicht fühlte den Account ohne Vorankündigung vom Fleck weg zu löschen.

Leider passt es in dieses cleane Bild nicht hinein, dass bei jedem fünften Wrestler steht „verstorben“. 

Der Tod ist dreckig und dieser Dreck klebt am Wrestling. Wie oft wollt ihr noch alle 60 Tage „Schade…R.I.P.“ posten? 

Eine leidenschaftliche Reaktion auf ein emotionales Thema ist zu provokativ? Selbstmord ist die ultimative Provokation! Ich beantrage von daher Chris Kanyon von cagematch.de zu löschen.

Daraus entwickelte sich ein Dialog, an dessen Ende ein weiterer Nutzer den Verfasser des ersten Kommentars deutlich und meiner Meinung nach zu Recht in seine Schranken verwies:

Es hat niemand was dagegen…ach, was solls. Du wurdest bereits mehrfach in den letzten Jahren wegen überzogener Aussagen verwarnt, da war dein Kommentar zu Kanyons Tod nur der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte. Einen Tod anzuprangern ist die eine Sache, dabei alles schlechtzureden und zu beleidigen eine ganz andere. Kanyon hatte offensichtlich mit ähnlichen Problemen zu kämpfen gehabt wie Robert Enke. Aber das hast du anscheinend nicht verstehen wollen. Und bevor wir solche Taktlosigkeiten auf der Seite stehen lassen, zumal von einem bereits mehrfach verwarnten User, löschen wir sie. Das war keine leidenschaftliche Reaktion auf ein emottionales Thema, das war schwer fehl am Platz. Tut mir auch gar nicht leid, dass ich dich deswegen gesperrt habe und dies wohl auch bald auf dem Board machen muss.

Höre auf Wrestling zu supporten, wie du es angekündigt hast, und guck MMA bis da der Kayfabe-Vorhang fällt. Frohe Ostern.

PS: Falls du es nicht verstanden haben solltest: Das Eis ist für dich auch auf dem Board sehr dünn geworden und bricht bald.

PPS: Solltest du damit ein Problem haben, schreib mir ne PM und versuch deinen Standpunkt zu erklären. Hier in diesem Thema hat das nichts zu suchen. 

 

Es gibt Menschen die vor Enke und nach Kanyon an einer Depression gelitten haben und daran leiden werden. Unter anderem der Verfasser dieser Zeilen. 

Der Freitod heisst deshalb Freitod, weil auch ein Depressiver zwischen a.) und b.) wählen kann. 

Gerade öffentliche Personen sollten aufgrund ihrer Vorbildfunktion den Leidensdruck akzeptieren. 

Dass die WWE – ein Unternehmen dessen Mitarbeiter wohl die höchste Rate an Suiziden und Drogentoden in sämtlichen Firmen weltweit generiert dürften – sich vermehrt auf Kinder als Zielgruppe einschiesst finde ich in diesem Zusammenhang abartig.

Jegliche emotionale Äusserung meinerseits platzierte ich völlig zurecht. Mir ist es vielmehr unverständlich wie man im Bezug auf ein immer noch viel zu zaghaft behandeltes Theme wie Wrestler-Tode desinteresiert und unemotional reagieren kann. 

Wahrscheinlich muss sich erst Hulk Hogan umbringen, damit diese Diskussion öffentlich, leidenschaftlich und fruchtbar wird.

Lieber [User], was du hier von dir gibst, ist die vielleicht größte Scheisse, die jemals ein User dieses Boardes verzapft hat. Das die WWE die „höchste Sterberate“ hat, ist Quatsch, und wenn, dann Zufall. Es sterben ja auch Musiker, Schauspieler, Footballer, Boxer und und und. Und normale Menschen. Sollen sogar schon Politiker gestorben sein. Irgendwie stirbt jeder. Und jede Gruppe hat auch eine Selbstmordrate.

Die Tatsache, das du an Depressionen leidest, rechtfertigt aber noch lange nicht dein Verhalten. Oh, du bist schon ein tougher Motherfucker, du bist echt hart! Das willst du uns doch hier vermitteln: Wie knallhart du bist, weil du Depressionen hast, und du noch am Balken hängst mit’m Strick am Kopp. Nee, echt, respekt, wie knallhart du bist. Du nimmst den Leidensdruck an und stellst dich ihm, knallhart, du bist der McLane der psychisch Kranken. Wow. Ich habe nicht nur Respekt vor dir, sondern auch nackte Angst. Du schaffst dich nicht weg, oh nein, weil du hart bist, und alle Anderen weich.

Das es verschiedene Formen der Depression gibt, die unterschiedlich stark auftreten, sollte dir demnach bewusst sein. Und das Menschen, welche mit dieser Krankheit leben, nun mal ein wenig „anfälliger“ für „Freitode“ sind, wenn sie die entsprechende Breitseite abbekommen, wohl auch. Aber was sind schon psychische Krankheiten, du hast deine in den Griff bekommen, da kann der Rest der Welt das ja auch – Die sollen sich mal alle nicht so anstellen, was? Sind ja nur Depressionen. Robert Enke, die Memme! BAH!!! Gerade der hätte den „Leidensdruck“ akzeptieren müssen, was? Jedenfalls behauptest du das.

Soll ich dir was sagen (und es ist mir vollkommen egal, ob ich dafür gesperrt oder verwarnt werde): Du bist ein Vollidiot. Du hast KEINE AHNUNG, was du da redest. Ein vollkommen egozentrischer Soziopath. Geh kacken, Junge.


Ich möchte auch noch auf mich persönlich eingehen, die meisten, die mich kennen, wissen, dass ich mit meiner Depression offen umgehe. Ich spreche darüber, weil ich meinen Teil dazu beitragen möchte, dass das Stigma aus der Öffentlichkeit verschwindet und wir als Gesellschaft achtsamer mit psychisch erkrankten Menschen umgehen. Etwas, was diverse Sportmedien nach dem Tod Robert Enkes lautstark gefordert haben, aber bis heute nicht umzusetzen im Stande sind. Noch immer wird in vielen Medien auf Sportler eingedroschen, wenn sie eine schlechte Leistung gezeigt haben.

Ich habe es, nach langen Jahren, die ich mit der Depression (auch zum großen Teil undiagnostiziert) lebte, endlich geschafft, mir kompetente Hilfe zu holen. Ich sitze, während ich diesen Text schreibe, in einer psychosomatischen Klinik und konnte bereits den ersten, großen Schritt zur Heilung machen, indem ich eines meiner größten Probleme deutlich erkannt habe. Ich habe dieses Problem in einem Brief in Worte gefasst, den ich demnächst an dieser Stelle auch veröffentlichen werde.

Und um jetzt noch einmal den Bogen zum Beginn des Textes zu schlagen: Sprechen wir über Depressionen. Sprechen wir darüber, dass sie eine potentiell tödliche Krankheit ist und sagen wir, wenn es auch nur für uns ist, dass all diese Menschen, die ich oben aufgezählt habe, letztlich an ihrer Depression gestorben sind. Diese Erkrankung war so belastend für sie, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als sich das Leben zu nehmen. Ich bin mir sicher, dass es zumindest für uns den Blick auf psychische Erkrankungen verändert. Und damit ist ein Schritt zu einer besseren Gesellschaft getan.

Ich tue jetzt noch etwas, das mir im Grunde zuwider ist, aber weil mir dieser Text und dieses Thema verdammt wichtig sind, würde ich euch bitten, den Beitrag (und bei Gefallen auch meine Seite) zu teilen und zu liken. Auf Facebook, Twitter oder wo auch immer ihr aktiv seid. Ich glaube, dieser Text möchte gelesen werden. Danke.

EDIT: Ich habe den zweiten Absatz noch um einen Halbsatz ergänzt, der auch nochmal Bezug nimmt auf die Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und Suizidalität.

Außerdem hat mir die liebe Esmee auf Facebook noch einen Link mit einem ebenfalls sehr guten Text zukommen lassen, den ich euch nicht vorenthalten möchte.

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